{"id":274,"date":"2011-09-22T18:32:00","date_gmt":"2011-09-22T16:32:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dafty.de\/die-anderen\/?p=274"},"modified":"2025-10-23T15:25:25","modified_gmt":"2025-10-23T13:25:25","slug":"vom-tresen-auf-die-buehne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dafty.de\/die-anderen\/vom-tresen-auf-die-buehne\/","title":{"rendered":"Vom Tresen auf die B\u00fchne"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mr. Speiche wird 65 und seine Monokel Blues Band 35 Jahre alt.<\/strong><br><br>Von Mark Modsen<br><br>Wenn am 27. Oktober die B\u00fchnenscheinwerfer des Berliner Kesselhauses angehen, werden sie eine Legende der ostdeutschen Musikszene beleuchten: Monokel geh\u00f6rt zu den wichtigsten Bands der DDR-Bluesszene und ihr Mitbegr\u00fcnder J\u00f6rg &#8222;Speiche&#8220; Sch\u00fctze (bg) zu den dienst\u00e4ltesten Rockern der Republik. Speiche und Kollegen liefern in den Siebziger- und Achtzigerjahren den Soundtrack zum imagin\u00e4ren Freiheitsfilm der &#8222;Blues-Kunden&#8220;, die mit Shell-Parka, Schlafsack und Flickenjeans \u00fcber die Schlaglochpisten von Arkona bis Zittau trampen. Jedes Wochenende bietet sich in irgendeinem abgelegenen Dorfsaal das gleiche Bild: Gr\u00fcnblaue Horden langhaariger Wettkampftrinker lassen sich von Monokels druckvollem Rhythm &amp; Blues in Ekstase versetzen. Haare fliegen, Hirschbeutel kreisen, Gl\u00e4ser klirren. Bis zu 180 Mal pro Jahr r\u00fccken die Berliner aus, um ihre jeweils f\u00fcnfst\u00fcndigen Konzerte in Sachsen oder Th\u00fcringen zu absolvieren. Entspannung im Backstage ? Fehlanzeige.<br>&#8222;Die Fans wollten nicht, dass wir uns in den Spielpausen nach hinten verfatzen&#8220;, sagt Speiche. &#8222;Wir haben im Gastraum mit ihnen gebechert.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als der langhaarige Bassist 1976 zusammen mit Sebastian &#8222;Buzz Dee&#8220; Baur (g, voc), Wilfried Borchert (g, voc), Mario Janik (dr) und Frank &#8222;Gala&#8220; Gahler (voc, m-harp) Monokel gr\u00fcndet, hat er eine szenetypische Biografie vorzuweisen: In den F\u00fcnfzigerjahren bastelt der musikbesessene Junge einen sogenannten Kristalldetektor, um den geliebten AFN h\u00f6ren zu k\u00f6nnen, den Mittelwellen-Sender der US Army in Westberlin. Die GIs infizieren den kleinen J\u00f6rg mit dem Blues-Virus. &#8222;Ich lag mit einem harten Wehrmachtskopfh\u00f6rer unter der Bettdecke und h\u00f6rte AFN, bis die Ohren schmerzten&#8220;, erinnert sich Speiche. Mit Gleichgesinnten trifft sich der Rebell regelm\u00e4\u00dfig am Bahnhof Lichtenberg und ger\u00e4t als &#8222;Gammler&#8220; ins Visier der umerziehungss\u00fcchtigen Staatsmacht. Mit 19 steigt Speiche als Bassist beim Diana Show Quintett ein. Die Formation um die heutige TV-Stimmungskanone Achim Mentzel ist f\u00fcr ihre skandal\u00f6sen Konzerte ber\u00fcchtigt. Bei einem Auftritt wird Speiche wegen sogenannten &#8222;asozialen Lebenswandels&#8220; &#8211; eine g\u00e4ngige Anklage gegen missliebige Musiker &#8211; verhaftet und wandert in den Knast. Klar, dass auch Monokel zehn Jahre sp\u00e4ter keine Lieblinge der Kulturfunktion\u00e4re werden. Daf\u00fcr lieben sie die Fans um so inniger und verzeihen ihnen die zahlreichen Besetzungswechsel, die ihnen Monokel in 35 Jahren Bandgeschichte zumutet. Buzz Dee geht zu Keks, MCB und schlie\u00dflich zu Knorkator, Gitarristen und Drummer wechseln und als Gala zu NO 55 desertiert, ist die Stimmung auf einem Tiefpunkt. Bernd &#8222;Zuppe&#8220; Buchholz st\u00f6\u00dft von der Passat Blues Band zu Speiche und steht bis zum heutigen Tag mit ihm auf der B\u00fchne.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines Tage bietet der Folkblues-Star Stefan Diestelmann seinem Kumpel Speiche an, Monokel als Backing Band mit auf Tour zu nehmen. Diese Einladung verschafft der Gruppe den denkw\u00fcrdigsten Auftritt ihrer Karriere.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Wir haben am 8. M\u00e4rz 1983 zum Frauentag im Dessauer Frauenknast gespielt, vor dreihundert weiblichen H\u00e4ftlingen&#8220;, erz\u00e4hlt der damalige Schlagzeuger Bernd &#8222;Erny&#8220; Damitz. &#8222;Die M\u00e4dels wurden in Dreierreihen von Kalaschnikow-tragenden W\u00e4rterinnen in den bestuhlten Saal gef\u00fchrt. Wir haben anderthalb Stunden gespielt und zwischendurch Schokolade und Karo-Schachteln unauff\u00e4llig unter die Sitze des Publikums geschossen.&#8220;<br>&#8222;Ich habe noch vor dem Konzert mit dem Gef\u00e4ngnisdirektor Schach gespielt&#8220;, sagt Speiche schaudernd. &#8222;Dabei habe ich versucht, meine Knastt\u00e4towierung am Unterarm zu verbergen. Mir ist bis heute ein R\u00e4tsel, wie das Konzert zustande kam. Unsere Roadies hatten auch gesessen. Sogar Diestelmann war vorher inhaftiert gewesen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diestelmann haut zwei Jahre sp\u00e4ter in den Westen ab. Monokel spielen 1986 binnen zwei Tagen ihre erste und einzige Ost-LP ein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als die DDR die Mauer \u00f6ffnet, verdr\u00fcckt sich der Manager mit der Bandkasse. Es folgen magere Jahre, in denen Speiche als Roadie schuftet und eine Musikkneipe er\u00f6ffnet. Mit seinen ex-Kollegen streitet er sich vor Gericht. Das Resultat: Monokel teilen sich in Mr. Speiches Monokel Blues Band und Monokel Kraftblues.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Buch &#8222;Bye-bye L\u00fcbben City&#8220; leitet 2004 ein Revival ein. Nach einem Monokel-Song benannt, beschreiben darin szenekundige Autoren die Ost-Bluesszene. Leider scheitert die Vers\u00f6hnung der Monokel-Fraktionen. Speiche beschlie\u00dft, es trotzdem noch einmal zu versuchen. Ihm ist klar: 80.000 St\u00fcck wie damals beim DDR-Label Amiga werden Monokel nie wieder von einem Album verkaufen. Doch Speiches Truppe feiert andere Erfolge: Am 3. Oktober 2008 begeistert sie im Westberliner Quasimodo ihre Fans derart, dass die f\u00fcr den h\u00f6chsten Getr\u00e4nkeumsatz in der Geschichte des Clubs sorgen &#8211; \u00a0acht F\u00e4sser Bier werden geleert.<br>Die Latte f\u00fcr das Jubil\u00e4umskonzert im Kesselhaus liegt also hoch. Starg\u00e4ste haben sich angesagt: Stimmungskanone Achim Mentzel wird zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert wieder mit seinem ex-Bassisten vom Diana Show Quintett die B\u00fchne teilen. Es empfiehlt sich, das Auto zuhause zu lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mr. Speiche wird 65 und seine Monokel Blues Band 35 Jahre alt. Von Mark Modsen Wenn am 27. Oktober die B\u00fchnenscheinwerfer des Berliner Kesselhauses angehen, werden sie eine Legende der ostdeutschen Musikszene beleuchten: Monokel geh\u00f6rt zu den wichtigsten Bands der DDR-Bluesszene und ihr Mitbegr\u00fcnder J\u00f6rg &#8222;Speiche&#8220; Sch\u00fctze (bg) zu den dienst\u00e4ltesten Rockern der Republik. 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