{"id":273,"date":"2012-03-25T18:28:00","date_gmt":"2012-03-25T16:28:00","guid":{"rendered":"https:\/\/dafty.de\/die-anderen\/?p=273"},"modified":"2025-10-23T15:31:53","modified_gmt":"2025-10-23T13:31:53","slug":"die-zukunft-des-popgeschaefts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/dafty.de\/die-anderen\/die-zukunft-des-popgeschaefts\/","title":{"rendered":"Die Zukunft des Popgesch\u00e4fts"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Von Assbook bis Zyntoflak<br>Die Zukunft des Popgesch\u00e4fts<\/strong><br><br>Von Mark Modsen<br><br>Gustav Schmittrich-Schlaffle, von seinen Freunden Tavo genannt, fingert nach dem Smartphone und schaltet den Geruchsalarm aus. Die Nachtschichtler seiner WG st\u00f6rte es, dass sich der schwerh\u00f6rige Musiker mit massiven Beats vom Handywoofer wecken lie\u00df. Deshalb spendierten sie ihm Smellfire Clocktastic aus dem Android Market. Heute verstr\u00f6mt die App den Duft &#8222;Oriental Pussy&#8220;, passend zur Morgenlatte. Tavo legt schl\u00e4frig Hand an sich. Selbst die d\u00fcmmste Gans wei\u00df, dass Musiker Loser sind. Groupies kommen nur noch in den zyntoflakvernebelten Geschichten der Alten vor. Krasser Stoff. Zyntoflak l\u00e4sst sich im Heimlabor aus Toner und Batterien herstellen. Kostet so gut wie nix, macht stumpf wie Stulle und bettschwer wie Blei.<br><br>Tavo w\u00e4lzt sich von der Matratze und knipst die implantierte Stirnkamera an. Dann torkelt er \u00fcber den Flur und l\u00e4sst sich auf dem versifften Gemeinschaftsklo nieder. 2836 Liker seines Assbook-Profils k\u00f6nnen jetzt den Videostream sehen. Facebook ist in der Szene schon lange verp\u00f6nt. Sp\u00e4testens, als er durch mysteri\u00f6se Kursmanipulationen den burmesischen Coltan-Milliard\u00e4r Huang Dong als reichsten Mann der Welt abh\u00e4ngte, ist Mark Zuckerberg der Posterboy des b\u00f6sen Netikalismus. Musiker hassen ihn au\u00dferdem, weil er KompoApp eingef\u00fchrt hat. Die funktioniert nach dem Prinzip: Lass dir unser EmoSense einpflanzen und wir spielen dir vor, wie der Song zu deiner Gem\u00fctslage von morgen klingen w\u00fcrde, wenn du komponieren k\u00f6nntest. Abartig, findet Tavo. Er zieht das Darknet-Forum Assbook vor, das von isl\u00e4ndischen Hacktivisten betrieben wird.<br><br>Der Textkonverter schickt die ersten Kommentare seiner Fans auf den Backenzahnlautsprecher.<br>&#8222;Moin, geile Mugge gestern auf Skype.&#8220;<br>&#8222;Nimm Papier und nicht die Finger, hehehe.&#8220;<br>&#8222;Schickst du mir ein Hologramm von dir?&#8220;<br>&#8222;Sp\u00e4ter&#8220;, knurrt der 23-j\u00e4hrige. &#8222;Oder wollt ihr eins vom Schei\u00dfhaus? Ja? Das kostet extra. Die Miete f\u00fcr das Loch hier ist 17.000 Neuro &#8211; ohne PlaNet-Zugang.&#8220;<br><br>Tavo beendet seine Morgentoilette nach dem Holoshoot und schlurft in die K\u00fcche. Seit dieser malaiische Rapper in seinen Videos echte Opfer enthauptet hat, erwarten Fans von ihren Stars mindestens einen Livestream aus deren Privatleben. Ohne Skandale keine Assbook-Liker, keine Werbekunden, keine Gigs auf Skype oder im Hypermarkt von MetroMedia, wo Musiker mit PlaNet-Accounts entlohnt werden. Seine Exfreundin, die Doomcore-S\u00e4ngerin Queenie, wurde prompt von ihrer K\u00f6rperagentur entlassen, als sie die Hauptrolle in einem Triple Penetration Porno ablehnte. Daf\u00fcr hatten sich \u00fcber 7000 karrieregeile Teenager casten lassen. Queenie allerdings kann auf Rolle wie Agentur pfeifen. Doomcore-Konzerte m\u00fcnden oft in t\u00f6dliche Faustk\u00e4mpfe der Besucher. Die S\u00e4ngerin darf sich r\u00fchmen, die m\u00f6rderischen Pr\u00fcgeleien genetisch gedopter Kids im Verein mit der Sportwettenmafia zu einem profitablen Gesch\u00e4ft gemacht zu haben. Einige der Killboxer sind mittlerweile bekannter als ihre Entdeckerin. Solange sie mitkassiert, ist ihr das egal.<br><br>Tavo seufzt. Zu seinem Sound w\u00fcrde ein Fightclub nicht passen. Er sampelt Tierger\u00e4usche aus der Paarungszeit und bastelt daraus minimalistische Dancetracks f\u00fcr Nudedating-Events. So entgeht er den Abmahnungen gieriger Anw\u00e4lte, die ihre Netbots Milliarden von mp7-Files nach Plagiaten durchk\u00e4mmen lassen, um deren Produzenten zu verklagen. Doch Sequenzen aus Vogelgezwitscher und Brunftgrunzen kann sich auch die m\u00e4chtige Sonywarner Emiversal nicht beim Neurozonen-Markenamt sch\u00fctzen lassen.<br><br>Das bewahrt Tavo vor dem Knast, aber nicht vor Hungerattacken. Es gibt so gut wie keine Schwarzjobs f\u00fcr Musiker mehr, seit das Bargeld abgeschafft wurde. Manche verdingen sich als Organfarmer, aber daf\u00fcr ist Tavo noch nicht verzweifelt genug. Er liefert lediglich sein Sperma gegen Essenmarken bei einer zungenfertigen Angestellten der Aldi SpermBank ab. So hat er auch wenigstens einmal im Monat sowas wie Sex. Aber eine Tour l\u00e4sst sich damit nicht finanzieren. 38 Neuro f\u00fcr einen Liter Pflanzendiesel und Maut auf allen Stra\u00dfen haben das Livegesch\u00e4ft umgekrempelt. In den Clubs stehen jetzt 3D-Projektoren. Die Musiker mieten eine Skype-Box. Von dort k\u00f6nnten sie hundert Orte zu gleichen Zeit bespielen &#8211; theoretisch. Meist tragen die Werbe-Holos knapp die Skype-Kosten.<br><br>Tavo schl\u00fcpft in seine Schuhe. Promo-Tag. Auf zum n\u00e4chsten Schulhof und den Kids heimlich die eigenen Videotracks auf die ungesch\u00fctzten Smartphones gespielt. Jeder 80. schaltet sp\u00e4ter mal f\u00fcr zweieinhalb Minuten den verlinkten Assbook-Stream ein. Ausreichend, um ein Dutzend Spotlets einzublenden.<br><br>Vor der Schule angekommen, tippt er auf den Feelscreen seines Smartphones, um das Revier nach der Konkurrenz zu scannen. Die Oberfl\u00e4che verwandelt sich in ein pulsierendes Nadelkissen. Schei\u00dfe, Petabyte-Sticker in der N\u00e4he. Er kreist mit dem Handy um eine Buschgruppe, bis er das aufgeklebte Solarpl\u00e4tzchen entdeckt hat. F\u00fcnf Petabyte Speicherplatz, gef\u00fcllt mit allen Musikaufnahmen der Menschheit. Funkt eine Ewigkeit im Radius von drei Kilometern. Verdammte Copyright-Vandalen. Hier sind die Handyspeicher vollgesogen bis in den letzten Memomer-Kristall.<br><br>Auf dem Weg zum n\u00e4chsten Schulhof f\u00e4llt sein Blick auf die Schlagzeilen an der eBook-Tanke gegen\u00fcber: &#8222;Sensation! Baby mit verschlie\u00dfbaren Ohren geboren&#8220;. Wenn das so weitergeht, werde ich Zyntoflak-Dealer, denkt der Musiker und schiebt seine In-Ears in die Geh\u00f6rg\u00e4nge. Die heranzischende FlyTram h\u00f6rt Gustav Schmittrich-Schlaffle nicht mehr.<br>Das Video von den letzten Sekunden seines Lebens bekommt 718.945 Likes auf Assbook.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Assbook bis ZyntoflakDie Zukunft des Popgesch\u00e4fts Von Mark Modsen Gustav Schmittrich-Schlaffle, von seinen Freunden Tavo genannt, fingert nach dem Smartphone und schaltet den Geruchsalarm aus. Die Nachtschichtler seiner WG st\u00f6rte es, dass sich der schwerh\u00f6rige Musiker mit massiven Beats vom Handywoofer wecken lie\u00df. Deshalb spendierten sie ihm Smellfire Clocktastic aus dem Android Market. 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